Vita

Steffen Kern

Der journalistische Pfarrer

Im EiNS-Porträt: Der neue "Api-Chef" Steffen Kern

von Jörg Podworny

Die Frage zaubert ihm ein kleines Lächeln aufs Gesicht. Würde er sich auch in Bremen wohlfühlen? So richtig antworten kann Steffen Kern (34) darauf nicht. Der Studienassistent am Tübinger Bengel-Haus ist in der Nähe von Schwäbisch Hall geboren, hat sein Abi in Gaildorf gebaut, in Tübingen studiert, kurz auch in Erlangen, ist jetzt regelmäßig in Stuttgart aktiv und bewohnt mit seiner Frau und ihren zweijährigen Zwillingen ein Haus in Walddorfhäslach. Auf einen Umkreis von gut 150 Kilometern kreist Kern im wesentlichen sein bisheriges Lebens-Umfeld ein. Eins kann er darum mit Bestimmtheit sagen: "Ich bin ein typischer Württemberger, Schwabe. Und die zeichnet aus, dass sie sehr heimatverbunden sind. Das ,Häuslebauertum', das steckt schon auch in mir drin." Allerdings sieht er darin kein persönliches Manko. Im Gegenteil: "Wer weiß wo er zu Hause ist, der kann weite Reisen unternehmen..."

"Beheimatungen" sind ihm auch geistlich wichtig. In Kerns Leben sind die württembergische Landeskirche, der Altpietistische Gemeinschaftsverband und das Evangelische Jugendwerk, die er von Kindheit an in seinem Heimatort kennengelernt hat, prägend. Den tiefsten Eindruck hat aber wohl sein pietistisches Elternhaus hinterlassen. Hier wurde morgens, noch vor dem Schulbus, gemeinsam in der Bibel gelesen, "mindestens eine Viertelstunde" lang. Und abends saßen seine Eltern an seinem Bett und sie haben gemeinsam Paul Gerhardts Lied "Befiehl du deine Wege" als Gebet gesprochen. Zu dieser Kindheitserinnerung gehört auch, dass er schon im Grundschulalter die Bibelstunden der Altpietisten ("Apis") erlebt hat. Sehr lebendig steht ihm das Bild bis heute vor Augen, wie die "alten Brüder" um den Tisch herum saßen und die Bibel auslegten: "Wie sie dann aus dem alten Buch mit seinen vergilbten Seiten was Lebendiges und was Persönliches geschöpft haben - das hat mich schon beeindruckt."

Leidenschaft für Wörter und Medien

Diese frühen Erfahrungen führen zu einem aktiven Engagement in der Jugendarbeit: Ob normale Jugendabende, Freizeiten oder Projektarbeit - "ich habe meine Freizeit immer aktiv genutzt", erklärt Kern, "nie irgendwie nutzlos rumlümmelnd". In der Oberstufenzeit baut er mit Freunden in der Nachbargemeinde ein Jugendcafé auf, einen offenen Treffpunkt für Jugendliche mit kulturellen Angeboten, Konzerten, Spielen, Gesprächen und regelmäßig einem "evangelistischen Impuls". Eine Zeit, "an die ich mich gern erinnere". Und in der das Mitarbeiterteam zugleich die Freundesclique ist.

Gefragt nach seiner Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit, erzählt er vom Posaunenchor. Zehn Jahre lang hat er seit seiner Jugendzeit Trompete gespielt, als junger Erwachsener "Jungbläser" ausgebildet. Leider ist das Blechblasen während des Studiums mangels Posaunenchores "abgeflacht" und spielt heute kaum noch eine Rolle. Dafür liest er jetzt gern zur Erholung, am liebsten spannende Romane, von John Grisham oder auch Henning Mankell.

Uberhaupt Bücher, Sprache! Hier stößt man bei Steffen Kern auf seine größte Leiden- schaft. "Den Sprung von der Sprache zur Schrift, dann den Buchdruck zur Reformationszeit" hält er für die bahnbrechendste menschliche Errungenschaft. Auf seiner Homepage im Internet (www.steffen-kern.de) stößt man sehr bald auf die Bücher und CDs, die er geschrieben und herausgegeben hat. Im Jahre 2002 erschien sein erstes Buch "Mehr als Millionen", die Geschichte der Dresdener Millionärin Sabine Ball und ihres bemerkenswerten sozialmissionarischen Engagements.

Vierzehn, fünfzehn andere Bücher und CDs sind seitdem erschienen. "Ich bin gerne Vielschreiber", bekennt Steffen Kern. Eigentlich ist es noch mehr: "Das Wort ist mir schon in vielfacher Hinsicht eine Leidenschaft". Das muss er erläutern. "Das Wort" hat für ihn eine "geistliche Dimension": Gott redet, offenbart sich in Worten. "Das Wort Gottes zu hören und zu verkünden, macht es für mich zu etwas Großartigem." Außerdem "habe ich auch einfach Spaß an der Sprache". Als Schüler hat er bei seiner Schülerzeitung mitgemacht, später für die Lokalzeitung "vor allem auch über kirchliche Ereignisse" geschrieben, während seines Studiums zeitweise in eine Zusatzausbildung in christlicher Publizistik investiert. Und das ist schließlich gemündet ins Bücherschreiben und Erarbeiten von Radiosendungen, aus denen in jüngerer Vergangenheit seine CDs mit Musik- und Wortbeiträgen erwachsen sind. Dabei sind die Produkte kein Selbstzweck. Gezielt versteht Kern seine Bücher und CDs vielmehr als Medien, um darüber Menschen anzusprechen und mit dem Evangelium zu erreichen. Die Medien sind die Fortsetzung seines Verkündigungsauftrags mit anderen Mitteln.

Hauptberufung Verkündigung

Die Existenz als Pfarrer betrachtet er auch darum als seine "Hauptberufung", sieht er doch hier "einen klaren Verkündigungsauftrag". Das Journalistische, das er sich über die Praxis bei der Lokalzeitung und im Radio sowie im Publizistik-Studium mit einem Stiftungsstipendium erworben hat, ist die äußere Form, sein besonderes Steckenpferd, wie er den Auftrag und Predigtdienst ausfüllt, erwachsen aus seiner "Leidenschaft" für Bücher, Zeitungen und Radio. "Pfarrer und Journalist: das ist eine Doppelung, die ganz gut trifft, was ich so mach", bündelt Steffen Kern.

Eine andere treffende Doppelung für seinen Auftrag: Studienassistent und Synodaler. Im Rahmen seiner Assistentenaufgabe im Bengel-Haus hält er Vorlesungen, begleitet die Studierenden in Seelsorge und Lebensberatung und auch bei deren Gemeindediensten. Und er ist begeistert über den theologischen Nachwuchs: "Wir haben im Bengel-Haus einige sehr, sehr gute, echt begabte junge Menschen. Wir können uns auf die nächste Pfarrer- und Prediger-Generation freuen."

Seit er im Jahr 2000 von der württembergischen Synodalgruppe "Lebendige Gemeinde" - eine von vier "Gesprächskreisen" genannten "Fraktionen" - wegen einer Kandidatur angefragt worden ist, sitzt er auch in der Synode der Württembergischen Landeskirche. Für ihn ein ganz natürlicher Schritt: "Das liegt im Württemberger Pietismus nah beieinander: das erweckliche Glauben, Leben, Verkünden, die Gemeindearbeit - und dafür auch innerhalb der verfassten Kirche eintreten!" Über seine Synodenarbeit will er "Impulse setzen für eine Kirche, die theologisch bei der Bibel bleibt und sich immer wieder neu missionarisch aufmacht". Dazu hat die "Lebendige Gemeinde" das Projekt "Wachsende Kirche" angestoßen; im Frühjahr 2008 soll ein Gemeindewachstums-Kongress stattfinden.

Seinen Verkündigungsauftrag nimmt Steffen Kern nicht zuletzt auch als Theologischer Leiter und Prediger des überregional bekannten Stuttgarter "JuGo" wahr. Die Veranstaltung, die schon mal als "Mutter aller Jugendgottesdiensre" apostrophiert wird, läuft seit 1978, damals gegründet von Konrad Eißler, vier Mal im Jahr in der Stuttgarter Stiftskirche und zieht regelmäßig mehr als 2.000 Jugendliche an. In den Hoch-Zeiten zwischen 2001 und 2003 mussten gelegentlich gar 400 bis 500 junge Leute, die vor der Tür warteten, nach Hause geschickt werden. "Verrückt!", sagt Kern, und er meint das positiv beeindruckt davon, dass sich Jugendliche von einem äußerlich schlichten Wort-Gottesdienst mit Musik, Theater und Video-Einspielungen derart begeistern lassen. Getragen von der Evangelischen Allianz Stuttgart und der Stiftskirchengemeinde, von einem rund 100-köpfigen Mitarbeiterteam, zieht der JuGo mittlerweile auch weitere Kreise: In Gemeinden und Bezirken im Großraum Stuttgart haben sich in den vergangenen Jahren viele ähnliche Gottesdienst-Formen gebildet. "Es ist eine richtige JuGo-Landschaft entstanden", freut sich Kern.

Der nächste größere Schritt in seinem Leben ist schon vorgezeichnet: Jüngst hat ihn der Landesbrüderrat, das leitende Gremium des Altpietistischen Gemeinschaftsverbands, zum neuen "Api-Chef" gewählt. Das kam für Steffen Kern "sehr überraschend". Just bei seiner ersten Sitzung des Brüderrats, in den er gerade erst berufen worden war, musste er den Raum schon wieder verlassen, weil er zum Vorsitzenden vorgeschlagen werden sollte...

Im September 2008 tritt er das Amt an, aber er fühlt sich als 34jähriger Altpietist heute schon wohl und dem Verband buchstäblich von Kindheit an verbunden. Er schätzt die "Tradition und Beheimatung, das Forschen in der Bibel", aber genauso die "innovative Arbeit" des größten Gemeinschaftsverbands in Deutschland mit einer lebendigen Freizeit- und Jugendarbeit oder den zahlreichen Gemeinde-Musikschulen. Die Evangelisation, "Menschen die Tür zum Leben zu zeigen", hält er für "eine der größten Herausforderungen" der nächsten Jahre. Seine Identifikation mit dem "Pietistisch-Lebendig-Erwecklichen-in-der-Kirche-und-doch-selbständig-Sein" des Verbandes ist sehr hoch: "Das ist genau mein Platz!".

Quelle: EiNS August 2007, S. 30f.

Artikel als PDF lesen