Blogbeiträge

Beiträge von mir finden Sie auf dieser Seite oder unter der Rubrik: "Auf ein Wort".

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!

Das Virus der Verwirrung und der Segen von Corona

Wie vermeintlich Bibeltreue in die Irre führen und was die Pandemie bedeuten kann

Gemeinschaft Ausgabe 7-2020

Besonnen und hoffnungsvoll

Was die Krise für uns Apis bedeutet 

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

Was die Krise für uns Apis bedeutet 

In besonderen Zeiten gewinnen manche Bibelworte eine ganz neue Bedeutung. Dazu gehört für mich ein Satz, den Paulus an Timotheus schreibt: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Angst und Furcht waren noch nie gute Ratgeber – sie sind es in den Krisen unseres Lebens erst recht nicht.

„Eine Überdosis Weltgeschehen“

Es gibt viel Panik in diesen Tagen. Wir erleben Hysterie, Hamsterkäufe und einen einzigartigen Hype in den Medien. Eine Corona-Sondersendung jagt die nächste. Virologen sind die neuen Talkshow-Stars, die von einem Sender zum nächsten gereicht werden. Tausend Zahlen, Kurven und Statistiken.

Da kann einem angst und bange werden. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat schon recht: „Wir leiden an einer Überdosis Weltgeschehen.“

Danken nicht vergessen

Auf der anderen Seite gibt es unsägliche Verschwörungstheorien. Was mich wirklich befremdet und besorgt: Es gibt auch Christen, die für blanken Unsinn anfällig sind. Das Virus sei gar kein Virus, wird da gesagt. Oder es sei nicht gefährlicher als eine Influenza. Es sei eine Erfindung der sogenannten „Lügenpresse“. Oder es sei von irgendjemand bewusst in die Welt gesetzt, wahlweise von den Chinesen, von der CIA oder von Bill Gates. – Mit Vernunft haben solche kruden Thesen sehr, sehr wenig zu tun; mit verantwortlicher Zeitgenossenschaft schon gar nicht. Ich bin dankbar für Regierungen in Bund und Ländern, die verantwortlich handeln, für eine Wissenschaft, die verantwortlich berät, und für eine Wirtschaft und eine Infrastruktur, die auch in extremen Krisenzeiten noch Kraft hat. Ja, es ist viel infrage gestellt, die Folgen sind nicht absehbar und bestimmt werden auch Fehler gemacht. Aber als Christen sollten wir für die Verantwortlichen beten und dabei auch das Danken nicht vergessen.

Schönblick besonders betroffen

Was heißt all das für uns Apis? – Wir sind als gesamtes Werk über die Maßen herausgefordert. Das betrifft in ganz unmittelbarer Weise den Schönblick, der über Wochen leer steht. Keine Gäste. Keine Einnahmen. Woche für
Woche fehlt uns ein ganz erheblicher Betrag. Über 100 Angestellte sind in Kurzarbeit. Es ist eine große Hilfe, dass es diese Möglichkeit gibt. Darüber hinaus haben wir der Landesregierung den Schönblick als Notklinik oder für Reha-Maßnahmen angeboten (siehe Seite 16f.).

Vieles fällt aus – Einnahmen fallen weg

Natürlich sind wir auch als Verband und Aktion Hoffnungsland sehr betroffen. Wesentliche Teile unserer Arbeit und unseres Dienstes fallen weg: Veranstaltungen wie Gemeinschaftsstunden, Gottesdienste, Jugendkreise, Seniorentreffen, Musikschulunterricht, AGs in Schulen, Freizeiten, offene Angebote wie Winterspielplätze etc. – alles fällt weitgehend aus. Manches kann digital aufgefangen werden, aber auch nur in manchen Bereichen und zu einem gewissen Teil. Damit fehlen uns auch erhebliche Einnahmen. Wir sind mehr als andere Kirchen und Werke darauf angewiesen, dass Menschen sich treffen. Darüber hinaus steht zu erwarten, dass durch die einbrechende Wirtschaft, Verluste an den Börsen und verbreitete Kurzarbeit auch die Einnahmen bei den Spenden deutlich einbrechen. Bisher gibt es darüber nur Schätzungen. Trotzdem ist mit einem Rückgang zu rechnen. In all dem bleiben wir zuversichtlich: Gott ist treu, er trägt uns und er sorgt für uns, wie er das durch Jahrzehnte hindurch getan hat. Zugleich sind wir herausgefordert, verantwortlich zu handeln und auf die immensen Herausforderungen zu reagieren. So haben wir teilweise in Arbeitsbereichen, die von den Ausfällen besonders betroffen sind, vorübergehend eine anteilige Kurzarbeit eingeführt. Es geht uns dabei ausschließlich darum, unsere Werke zu erhalten und die Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Zudem gehen wir einen sehr sozialverträglichen Weg. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen jetzt und auf Dauer ein gesichertes, verlässliches und gutes Auskommen haben. 

Ein kurzes Erlebnis ...

Darum bitten wir Sie und Euch ganz herzlich: Stehen Sie weiter zu uns und machen Sie unsere Arbeit weiter möglich! Danke für alle Gebete und Gaben! Wir sind jetzt besonders darauf angewiesen. An dieser Stelle ein kurzes Erlebnis aus den letzten Wochen. Gerade als wir dran waren zu notieren, was überall ausfällt, und ich ziemlich bedrückt war und mich gefragt habe, wie alles weitergehen soll, wenn alle Treffen untersagt werden, erreichte uns völlig unerwartet eine Nachricht per Kontoauszug. Eine Spende über mehrere Tausend Euro. Ich war sprachlos. Was für ein Signal! Gott ist treu. Ich habe das als ganz wertvolles und ungemein ermutigendes Hoffnungszeichen empfunden. Danke dafür! Es geht aber zuerst und zuletzt nicht um Geld oder Gut, sondern um den Geist, in dem wir leben und handeln. Gott hat uns den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Dieser Geist soll uns weiter leiten.

Steffen Kern,
Pfarrer, Journalist und Vorsitzender der Apis

Herzreden

Das Wichtigste und Wesentlichste, was in dieser Welt in Worte gefasst werden kann

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Was heißt eigentlich beten? Lohnt es sich denn, diese Frage zu stellen? – Beten ist kinderleicht. Das stimmt. Weil das so ist, wird das Gebet oft unterschätzt. Wenn wir nichts mehr tun können, sagen wir, da helfe nur noch beten – als wäre Beten das letzte und letztlich das, was ohnehin nichts mehr bringt. Aber Beten ist viel mehr als nichts. Das Gebet umfängt das größte Geheimnis dieser Welt. Es öffnet uns den Himmel. Es weitet unseren Horizont. Es verändert alles – zuerst uns selbst. Wem Himmel und Erde und wer sich selbst nicht vollkommen gleichgültig geworden ist, sollte das Beten neu entdecken.

Was heißt also beten? – Die Antwort aus dem Katechismus von Martin Luther und Johannes Brenz öffnet einen buchstäblich verheißungsvollen Weg: „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“

Bitte ...

Die höchste Art und Weise zu beten

Die Urform des Betens ist die Bitte. Ich spitze zu und sage: Es ist die höchste Art und Weise zu beten, die schlichteste und die vornehmste zugleich, die einfachste und die leidenschaftlichste, die erste und die letzte. Das mag manche überraschen. Christen unterschiedlichster Prägung neigen dazu, das Gebet als Marker eines vermeintlich höheren oder niederen geistlichen Standes oder Seelenzustandes zu bewerten. Manche meinen, Anbetung sei das höchste. – Ja, Gott zu loben und ihn zu anbeten, ist zweifellos wichtig und entscheidend, sogar das Ziel allen Betens, aber es ersetzt die Bitte nicht. Mache meinen, Danken sei viel angemessener, und wir müssten mehr danken als bitten. – Ja, Gott zu danken, ist zweifellos eine oft vernachlässigte Form des Betens, aber auch der Dank ersetzt die Bitte nicht. Warum ist die Bitte so grundlegend? – Antwort: Weil wir bedürftig sind. Weil Gott gebeten sein will. Weil er als Vater seinen Kindern alles geben will.

Die Vaterfreuden Gottes

Darum hat Jesus seinen Jüngern und uns als seiner Gemeinde das Vaterunser gegeben. So sollen wir beten. Alles beginnt mit der Anrede Gottes als Vater. Wir wenden uns als Kinder an Gott. Kinder bitten. Kinder brauchen Hilfe. Kinder greifen nach der Hand des Vaters. Kinder haben Wünsche und äußern sie unerschrocken. Kinder wollen etwas haben und bitten darum. Damit zeigen sie, dass sie ihren Vater brauchen. Damit bekennen sie, dass sie bedürftig sind. Damit vertrauen sie sich ihrem Vater an. Mit ihrem Bitten nehmen sie ihren Vater ernst. So ist das, wenn wir beten: Indem wir Gott bitten, ehren wir ihn als Vater. Es gehört zu den schönsten und größten Vaterfreuden Gottes, wenn wir ihn als seine Kinder um etwas bitten. Wir schütten unser Herz vor ihm aus. Wir breiten unsere Sehnsucht aus. Wir legen unsere Wünsche in seine Hand. Es ist nicht zu fassen, was geschieht, wenn wir unseren Vater im Himmel bitten. Alles dürfen wir bitten.

Darf man Gott um einen Porsche bitten?

Wirklich alles? – Das Vaterunser gibt uns einen Leitfaden. Wir bitten darum, dass Gottes Name in unserem Leben geheiligt werde, dass sein Wille überall geschehe. Wir bitten ums tägliche Brot. Wir bitten um Vergebung unserer Schuld. Aber auch alles andere hat Platz, auch die Wünsche, die über das Notwendige hinausgehen. Wir bitten um Gesundheit, um eine gute Note in der Matheprüfung, um Erfolg im Beruf und um Glück in der Liebe. All unsere Herzensanliegen haben Raum im Gebet, es ist doch ein Reden des Herzens mit Gott. Darf man Gott dann auch um einen Porsche bitten, um Reichtum und Wohlstand? – Natürlich darf man. Alles hat Platz vor Gott. Dabei erleben wir aber, dass sich unser Bitten im Verlauf des Betens verändert. Unsere Wünsche legen sich in Gottes Willen und verändern sich. Wir verändern uns im Beten. Nie kann Gottes Geist so an uns arbeiten, uns segnen und beschenken als in Zeiten des Gebets. Und dann stimmt das alte Bonhoeffer-Zitat: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen. Das heißt dann etwa: Wenn Gott uns wenig schenkt, dann schenkt er uns einen Porsche. Wenn er uns wirklich reich macht, schenkt er Zufriedenheit und inneren Frieden, Vergebung, Glück und eine tiefe Lebensfreude, die frei ist von äußeren Dingen, die Gabe der Großzügigkeit und der Liebe. – Wie gesagt: Es ist nicht zu fassen, was geschieht, wenn wir beten ...

und Fürbitte ...

Beten mit weltweitem Horizont

Wenn wir beten, bleiben wir nicht bei uns. Wer betet, nimmt die ganze Welt mit ins Gebet. Die Anderen. Die Nächsten und Liebsten. Aber auch die Fernen, die Fremden, die Trauernden und Leidenden, die Verfolgten und Bedrängten, die Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche. Das ist das Geheimnis der Fürbitte. Wir vernachlässigen das oft. Wir meinen, das sei nicht persönlich genug. Wir halten Fürbitten, vor allem wenn sie im Gottesdienst gesprochen werden, oft für steril und wohlfeil – gelegentlich sind sie das zugegebenermaßen auch. Dabei vergessen wir, dass die Fürbitte ein zentraler Bestandteil unseres Betens ist. Christen beten für die Welt. Das ist ihr erster Auftrag. Gottes Wille soll im Himmel und auf Erden geschehen. Sein Reich soll kommen. Im Gebet gibt uns Gott eine universale Perspektive. Er weitet unser Herz – in unserer Engstirnigkeit übersehen wir das aber oft. Dabei werden wir schuldig an uns selbst und anderen. Wir rauben uns selbst den Schatz der Fürbitte. Und wir nehmen den Dienst nicht wahr, den nur Christen tun können: den priesterlichen Dienst, stellvertretend für andere zu beten. Menschen, die Gott nicht als ihren Vater kennen, können das nicht. Kinder Gottes können das. Tun sie es auch?

Der falsche Appell zu intensiver Innerlichkeit

Wenn im Blick auf unser Beten ein Appell nötig ist, dann nicht jener, länger, intensiver, ausdauernder, inniger oder erwartungsvoller zu beten. All das mag gelegentlich auch nötig sein. Und es ist ein guter biblischer Rat, „ohne Unterlass“ zu beten. Dennoch ist es ein tiefgreifendes Missverständnis, dass Gebete dann erhört würden, wenn sie nur lange genug, oft genug oder mit genug Hingabe gesprochen wären. Die Kraft des Gebets liegt nicht in unserer Innerlichkeit, sondern in Gottes Verheißung. Wer ständig den inneren „Hingabe-Puls“ fühlt, nimmt nicht ernst, dass Jesus versprochen hat: „Bittet, so wird euch gegeben.“ Endlos und Endorphin-geladen braucht unser Gebet nicht zu sein, nur ernsthaft und ehrlich. – Wenn aber ein Appell nötig ist, dann der, mehr für andere zu beten. Fürbitte ist das Gebot der Stunde: Wer betet, nimmt die Welt auf sein Herz und öffnet sein Herz für die Welt.

Dank ...

Beten ist darum mehr als Worte machen. Beten ist ein Lebensstil. Wer betend und für die Welt bittend durch seinen Tag geht, lebt anders. Ein betender Mensch sieht anders, hört anders, denkt anders, nimmt die Welt anders wahr, seine Mitmenschen, die Nachrichten, selbst die große Politik. Und er handelt anders. Beten verändert die Welt, weil es Gottes Arm bewegt und zugleich unser Herz, unser Hirn und unsere Hände.

Danken öffnet unser Herz für das, was Gott gibt

Damit sind wir beim Danken. Denn wer begreift, dass Gott es ist, der uns alles gibt und schenkt, wird dankbar. Dankbarkeit ist das, was wir als Geschöpfe unserem Schöpfer schulden. Schlicht deshalb, weil er alles gibt: Wasser und Brot, Kleidung und Bildung, Schuhe und Schule. Jeden Tag schenkt er uns, jede Minute, unser ganzes Leben ist ein Geschenk. Nichts, keine Sekunde können wir uns selbst geben. Nichts haben wir verdient. Nichts steht uns zu. Das zuzugeben, kostet viel: Es heißt, den Stolz loszulassen und ihn gegen Beschenkt-werden einzutauschen. Alles ist Geschenk. Auch das ewige Leben ist nichts als ein Geschenk. Zu hundert Prozent Gnade. Gott gibt. Und er vergibt. Das ist sein Wesen. Barmherzig, geduldig und gnädig ist er. Je mehr wir davon begreifen, desto dankbarer werden wir. Dank ist immer unsere Reaktion auf Gottes Aktion. Das klingt ein bisschen hölzern: Aber es geht um das, was Gott tut. Um seine Geschichte mit uns. Mit uns Menschen und mit uns persönlich. Darum kommt es darauf an, dass wir uns vergegenwärtigen, was Gott für uns getan hat und heute noch tut. Darum lesen wir die Geschichten der Bibel und verstehen unsere Lebensgeschichte als Teil dieser einen großen Geschichte Gottes mit seiner Welt.

Eine Handvoll Dank jeden Abend

Die großen Danklieder der Psalmen singen von der Rettung: Wenn Einzelne aus tiefer Not befreit oder wenn ein ganzes Volk von Gott gerettet wurden. Was hat Gott für mich und für uns getan? – Denken Sie einmal darüber nach und finden Sie so neu zum Danken! Ich empfehle ein Dank-Tagebuch. Oder auch nur eine Handvoll Dank jeden Abend: fünf Gründe, Gott am Abend eines Tages zu danken. Das Gute nicht vergessen, sondern in Worte fassen. Wer das tut, ist ein gesegneter Mensch! Wer dagegen in seiner Kammer nur seinen Kummer beklagt, verkümmert und wird unzufrieden. Danken schenkt Frieden ins Herz. Ein ganz eigenes Glück. Gelassenheit und Zuversicht. Danken befreit, entlastet und erfüllt. Dankbare Menschen sind ausgeglichen, entspannt und offen für andere. Danken vertreibt Geiz und Gier, Neid und Missgunst. Dankbarkeit ist das Lied, das über den Verlusten des Lebens von dem singt, was Gott trotz allem gibt.

... und Anbetung

Der Weg der Psalmen geht über die Klage zum Lob. Damit weist er den Weg des Betens. Das ist mehr als eine formale biblische Beobachtung: Der innere Prozess des Betens führt von der Bitte, oft genug von der Klage, hin zu neuem Vertrauen und damit zum Danken, Loben und zur Anbetung. Das „Kyrie eleison“/„Herr erbarme dich“ ist der bestimmende Ton des Psalters und unseres Betens in dieser Welt. Denn wir fassen die Not, die zum Himmel schreit, in Worte. Aber dieses Klagen, Schreien, Bitten und Bekennen von Schuld führt zum Halleluja, das am Ende steht und dem Himmel schon voraus singt. Das Lob ist das Ziel des Psalters und unseres Betens. Was heißt nun aber, Gott anzubeten?

Das Echo der Offenbarung Gottes in unserem Herzen

Anbetung bedeutet, Gott zu sagen, wer er ist. In Gottes Wort hören wir, was Gott zu uns sagt und wie er sich uns vorstellt: „Ich bin.“ In der Anbetung wenden wir die „Ich bin“-Worte Gottes ins Du und sagen: „Du bist.“ Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Leben. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ In der Anbetung sagen wir ihm: „Du bist das Brot für mich. Du bist das Licht für mich. Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben für mich.“ Anbetung ist das Echo der Offenbarung Gottes in unserem Herzen. Antwort auf Gottes Wort. So kommen Gott und Mensch zur Entsprechung. Indem wir Gottes Wort von Herzen sagen, entsprechen wir ihm. Es kommen die zusammen, die getrennt sind und doch zusammen gehören.

Wortwechsel mit Gott

Das ist überhaupt das Wesen des Gebetes: Wir sind bestimmt zum Wortwechsel mit Gott. Seit Beginn der Schöpfung redet Gott. Wir sind angesprochen und zur Antwort gerufen. Als Angesprochene können wir antworten. Von uns aus ginge das gar nicht. Kein Mensch hat die Macht, Gott von sich aus anzusprechen. Schon an den Königshöfen dieser Welt galt und gilt, was bis heute im Knigge festgehalten ist: Der höher Stehende gibt den nieder Stehenden ein Rederecht. Von sich aus kann ein kleiner Fisch nicht einfach den König ansprechen. Gott aber, der Herr des Himmels und der Erde, gibt uns Rederecht. Er zeigt sich als Vater, der angesprochen, ja gebeten sein will. Er gibt uns seinen Namen und macht sich so „anrufbar“. Darum sagt er leidenschaftlich: „Kommt! Bittet! Klopft an bei mir! Sucht mich! Ich erwarte euch.“ Wir sind zur Gemeinschaft, das heißt zum Wortwechsel mit Gott berufen. 

Zurück auf Los!

Wir Apis vor neuen Herausforderungen

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

Das Signal zum Aufbruch gilt allen Christen, jeder Gemeinde und Gemeinschaft. Eigentlich heißt es: „Jesus, fertig, los!“ – So war das an Pfingsten nach Passion und Ostern. Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Jetzt war die Geschichte aber nicht zu Ende, sondern sie begann. Jetzt ging es los: Pfingsten, der Anfang der Kirche, ist der Startpunkt, an den wir immer wieder zurückkehren und von dem wir neu aufbrechen. So ähnlich, auch wenn der Vergleich hinkt, wie bei einem Monopoly-Spiel: Es geht „zurück auf Los“! – Das gilt auch für uns als Apis. Wir sind ein Verband im Wandel. Auch Gemeinschaften sind wie die Kirche „semper reformanda“, stetig zu reformieren. Vieles führen wir weiter, manches beenden wir, anderes fangen wir neu an. Entscheidend ist, dass wir wie den Aufbruch wagen. Unser Zukunftsprozess „Apis 2025“ hat ja auch längst begonnen.

Lust auf Bibel: Ideen von Bibelbewegern gefragt

Ohne Bibelbezug keine Gottesbeziehung! Das ist völlig klar. Wir brauchen neue Formen des gemeinsamen Bibellesens. Wir Apis sind und bleiben Bibelbeweger. So wertvoll die alten Stunden sind, die wir natürlich erhalten und pflegen wollen, so entscheidend ist es, dass wir neue Formen finden, die für die Menschen unserer Zeit passen. Wir brauchen viele Formen des gemeinsamen Bibellesens, weil wir verschiedene Lebensformen haben. Ich staune, wie kreativ hier überall im Land probiert und experimentiert wird, und ich kann nur Mut machen, das weiter zu tun. Dafür brauchen wir auch neue Medien, neue Bibellesehilfen, gerade auch für Menschen, die zum ersten Mal zu einer Bibel greifen.
An dieser Stelle bleiben wir weiter dran: unser Magazin „Gemeinschaft“, unsere neue Website und neue geplante Publikationen sollten hier Impulse geben. Aber viel wichtiger sind die Ideen, die bei Ihnen und Euch vor Ort geschehen.

  • Wie bewegt Sie die Bibel?
  • Wie lesen Sie sie mit anderen zusammen?
  • Was gelingt, was scheitert?
  • Was haben Sie vor?

Schicken Sie uns doch Ihre Ideen! Auch Ihre Fragen, offenen Punkte...
Sie können Sie direkt auf unserer Website eingeben

Eines noch: Beim Teilen der Bibel mit anderen kommt es auch auf unsere Haltung an. Wir dürfen nicht als Besserwisser mit der Bibel in der Hand auftreten, sondern als Menschen, die Lust haben, das Wort Gottes zu hören, Neues zu entdecken und Gott durch die Bibel zu begegnen. Die Lust an der Bibel zu wecken, wie sie Psalm 1 beschreibt, geht allerdings nur, wenn wir sie selbst neu empfinden.

Heimatgeber gesucht: Liebe, die sich öffnet

Eine Gemeinschaft war die Kirche schon immer. Aber was heißt das in Zeiten des Individualismus? Wie leben wir Gemeinschaft im Zeitalter der Singles? Wir finden wir zusammen, wenn die Lebenswege immer unterschiedlicher aussehen? – Sicher ist: Neue Gemeinschaftsformen sind nötig. Das war eine Stärke des Pietismus, die wir neu (!) entdecken müssen: die „Gemeinschaftspflege“. Wir brauchen Christen, die ihre Häuser öffnen. Wir brauchen christliche Familien, die an ihren Tisch einladen. Wir brauchen gläubige Menschen, die ihr Leben mit denen teilen, die nicht wissen, was Gemeinschaft bedeutet. Gemeindeaufbau endet nicht an unserer Haustür. Der Rückzug ins Private ist keine geistliche Bewegung. Wir alle sind hier persönlich gefordert.

Als Apis wissen wir um diese Verantwortung. Gemeinschaft ist unser Markenzeichen. Wir wollen Heimatgeber sein, damit Menschen ein Zuhause finden. Die Prägekraft des Pietismus in Kirche und Land hinein, ja seine gesamte Existenz hängt entscheidend davon ab, ob es ihm gelingt, neue Formen der Gemeinschaft zu finden, die postmoderne Individualisten erreicht und einbindet. Sonst bleiben wir unter uns. Es kommt darauf an, dass wir im besten Sinne des Wortes zu Zeitgenossen werden, die die Ewigkeit im Herzen tragen. Die Menschen unserer Zeit sehnen sich nach Orientierung und Beziehung. Wir als Apis und als Kirche sind ihnen genau das schuldig.

Als Hoffnungsträger gesandt: Mut zu neuen Wegen

Darin bündelt sich alles. Als Christen wollen wir jeden Menschen mit den Augen des Vaters im Himmel sehen. Mit seinen Gaben, Möglichkeiten und Chancen. Ja, wir sind alle Sünder, aber wir bleiben geliebte Geschöpfe Gottes. Und weil es Vergebung gibt und ein Neuanfang für jeden möglich ist, gibt es bei Gott keine hoffnungslosen Fälle. Wir sehen darum jeden Menschen mit den Augen der Hoffnung. Wir sehen unser Land nicht als verlorenes Land, sondern als ein Hoffnungsland. Wir geben niemanden auf, keinen Menschen, unsere Kirche nicht, auch unsere Gesellschaft nicht – denn wir brechen auf in das Land der Verheißung. Darum ist es entscheidend, dass wir den alten Auftrag zu Diakonie und Evangelisation neu hören. Zu wem sendet uns Gott? Welche Menschen legt er uns aufs Herz? Für wen sollen wir Hoffnungsträger sein? – Beten wir hier um Klarheit! In dem Maße, wie diese reift, werden wir bereit, uns auf neue Wege zu wagen. Auch ganz wagemutig auf ganz neue Wege.

Und ehrlich gesagt: Nichts braucht unser Land mehr als wagemutige Jesus-Leute, die aufbrechen und losgehen.

Luther, fertig los!

Die Reformation geht weiter

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Es sind Hammerschläge, die 500 Jahre später noch nachhallen: Ein Mönch aus Wittenberg schlägt 95 Leitsätze an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Geschehen am 31. Oktober 2017. Diese Schläge erschüttern die Welt. Und ganz gleich ob der junge Professor wirklich selbst den Hammer geschwungen hat: Nichts ist danach so, wie es vorher war. Die Kirche verändert sich radikal. Politik und Gesellschaft werden auf den Kopf gestellt. Schriften und Bücher werden gedruckt, vor allem aber die Bibel. Die Welt scheint sich fortan in eine andere Richtung zu drehen. Die Bedeutung der Reformation kann kaum überschätzt werden. Zugleich ist deutlich: Die Reformation ist kein abgeschlossenes Ereignis der Geschichte. „Ecclesia semper reformanda“, heißt es: Die Kirche ist ständig zu reformieren. Das ist 500 Jahre später so aktuell wie selten zuvor.

Die „Pleite des Jahres“?

So einfach ist das nicht mit dem Feiern der Reformation: Die unzähligen Feste, Empfänge, Ausstellungen und Events zum großen Jubiläum sind EKD-weit zumindest teilweise gefloppt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte Mitte Juli 2017 sogar: „Luther ist die Pleite des Jahres“ und verweist auf die immensen Kosten und die zugleich sehr ernüchternden Besucherzahlen sowohl beim Kirchentag und dessen Abschlussgottesdienst, den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“ und der Weltausstellung in Wittenberg. Daneben stehen aber die vielen Initiativen in Gemeinden und Gemeinschaften. Vielleicht lässt sich eine Zwischenbilanz so formulieren: Je basisnäher das Fest der Reformation gefeiert wird und je näher an ihren Inhalten, desto wirkungsvoller ist es. Für viele wird der Gottesdienst in ihrer Gemeinde am bundesweiten Feiertag, dem 31. Oktober 2017, denn auch der eigentliche Höhepunkt sein. Entscheidend ist, dass wir die großen Entdeckungen der Reformation neu ins Zentrum rücken. Denn das sind die einzigen Quellen, durch die die Kirche erneuert wird. Das sehen wir, wenn wir die wesentlichen Errungenschaften der Reformation und des Pietismus in Erinnerung rufen. Von dort fällt ein Licht auf die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen.

Die Entdeckung „des Jahrtausends“

Was ist eigentlich reformatorisch? – Martin Luther selbst antwortet darauf in einer kleinen Notiz, die er 1522 an den Rand seiner Bibel schreibt. Neben einen Vers im Römerbrief notiert er: „Merke: dies ist das Hauptstück und die Mitte dieser Epistel und der ganzen Schrift!“ Damit verweist er auf Römer 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das ist die reformatorische Entdeckung. Nicht was ich leiste und bezahle, was ich mir erarbeite und verdiene, nicht Ablass und Gesetzestreue, sondern allein Gottes Erbarmen macht mich gerecht. Es ist die größte Entdeckung des zweiten Jahrtausends nach Christus, ja der Geschichte überhaupt. Die vier so genannten „Soli“ markieren deshalb am besten das Herzstück der Reformation: solus Christus, sola gratia, solo verbo/sola scriptura, sola fide. Zu deutsch: Allein Jesus Christus schenkt uns das Heil in Zeit und Ewigkeit. Allein aus Gnade werden wir vor Gott gerecht. Allein durch sein Wort werden wir frei gesprochen und hören Gottes Weisung für unser Leben. Allein durch den Glauben an ihn sind wir gerettet. – Selten waren diese vier Grundsätze so aktuell und umstritten wie heute, und zwar diesseits und jenseits kirchlicher Grenzen.

1) Allein Jesus Christus

Diese Einsicht ist alles andere als selbstverständlich. In Gesellschaft und Kirche neigen manche dazu, die Christologie und die Soteriologie, also die Lehren von Jesus Christus und der Erlösung durch ihn, in die zweite oder dritte Reihe zu schieben. Dass Jesus Christus für uns gestorben ist, die Sünde der Welt getragen und unsere Schuld gesühnt hat, dass er nach drei Tagen leiblich auferstanden ist, wird allzu oft in Zweifel gezogen. Ebenso wird angezweifelt, dass er, von einer Jungfrau geboren, der Sohn Gottes ist. Und das erst recht angesichts dessen, dass wir mit Menschen anderen Glaubens zusammen leben. Dass wir mit ihnen den Frieden suchen, gute Nachbarschaft leben und alles tun, um Fremdenhass, politische Feindseligkeiten bis hin zu Gewalt und Terror zu überwinden, ist uns aufgetragen. Aber auch das Gespräch über Religionsgrenzen hinweg löst unser zentrales Bekenntnis nicht auf: Allein in Jesus Christus finden wir das Leben. – Diese Wahrheit trägt uns, und diese Wahrheit bringen wir ins Gespräch ein: Jesus Christus ist der einzige Trost im Leben und im Sterben. Das sagen wir, wohlwissend dass unser Gegenüber einen anderen Glauben hat und anderes für wahr hält. Die größte Herausforderung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird darin bestehen, dass wir Christen unser Christuszeugnis klar und eindeutig, werbend und einmütig, liebevoll und einladend weiter geben.

2) Allein aus Gnade

Gott wendet sich uns zu. Er ist uns buchstäblich zugeneigt. Seine Barmherzigkeit kennt keine Grenze: Kein Graben ist zu tief, keine Mauer zu hoch, keine Schuld zu groß, dass er sie nicht überwinden würde. Gottes Liebe lässt uns leben. Allein seine Gnade genügt. Martin Luther führt aus, was Gottes Liebe von menschlicher Liebe unterscheidet: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es.“ Was für ein Wunder: Gott sieht in mir nicht den Sünder, den Heuchler oder den Lügner, sondern sein geliebtes Kind. Dass mich mein Vater im Himmel so ansieht – das allein gibt mir Ansehen. So sehr wir, wie Luther in seiner erste These entfaltet, zu täglicher Buße aufgefordert und verpflichtet sind, so klar ist: Aus Gnade werden wir selig, nicht aus uns. Alles ist Gottes Gabe (vgl. Eph 2,8). „Barmherzig, geduldig und gnädig ist der Herr.“ Das ist das Wesen Gottes, das in Jesus Christus ein Gesicht und einen Namen findet. Nicht zufällig, sondern zwingend. Der Schöpfer muss uns in Gestalt eines Geschöpfes nahekommen, weil Gott gnädig ist. Nichts können wir dazu tun, auch nicht ein bisschen. Er spricht uns gerecht.

3) Allein durch das Wort

Es ist geheimnisvoll und wunderbar, es ist nicht zu erklären – und geschieht doch immer wieder: Gott redet. Ein Mensch hört und wagt es, diesem Wort zu vertrauen. Das heißt glauben. Alles beginnt und wird erhalten durch Gottes Reden. Darum lesen wir in der Bibel. Darum predigen wir aus der Bibel. Darum verlassen wir uns auf diese Schrift. Denn sie wird lebendig. Gottes Geist wirkt das Wunder. Seit zweitausend Jahren werden Menschen durch diese Worte angesprochen und verändert. Darum ist die Bibel einzigartig: Gott zeigt sich in diesen Schriften. Was er für uns getan hat und wer er für uns ist, wird offenbar. Das Entscheidende dabei: Wir werden persönlich angesprochen und freigesprochen. Es ist wie bei der Schöpfung: Gott spricht und es ist da. Wie bei Lazarus: Jesus ruft ihn und er erwacht zum Leben. Wie Paulus es schreibt: Ein neuer Mensch sind wir. Was wir hören, wenn Gott redet, ist sein Urteil über uns: ein Freispruch um Jesu Christi willen. Der alte Mensch wird getötet, der neue geschaffen. Wir haben das Evangelium nicht wie einen Besitz in der Hand, aber wir hören und empfangen es immer wieder neu. So, nur so wird uns der Himmel gewiss.

4) Allein durch den Glauben

Der Glaube kommt aus dem Hören. Aus eben diesem Hören! Gottes Wort und Glaube gehören zusammen, sagt Luther. Und der Theologe Eberhard Jüngel formuliert treffend: „Allein der Glaube lässt Gott Gott sein.“ So werden wir in das Geschehen, das Gott allein tut, einbezogen. Jesus sagt am Kreuz Ja zu uns; im Glauben sagen wir Ja zu ihm. Jesus sagt in Taufe und Abendmahl, dass wir ganz zu ihm gehören; im Glauben sagen wir unser Ja dazu. Jesus sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“; im Glauben sagen wir: „Amen. Ja, so soll es sein.“ Glauben heißt nicht mehr, als Gottes Wort gelten zu lassen. Gott nicht zu widersprechen, sondern sein Wort in mein Herz und mein ganzes Leben klingen zu lassen. Das Bekenntnis unseres Glaubens ist nichts anderes als das Echo von Gottes Wort in unserem Leben. Das hat Folgen. Denn dieses Wort verändert uns. Darum hat der Glaube Früchte wie ein guter Baum. Ein solches Menschenleben wird gesegnet und zum Segen für andere.

Der Schlüssel aller Aufbrüche

Das Evangelium von der Gnade Gottes und der Rechtfertigung des Sünders ist darum die einzigartige Kraft Gottes, die dazu angetan ist, verlorene Menschen zu retten und heil zu machen, die Welt aus den Angeln zu heben und uns den Himmel zu öffnen. Darin liegt das Erneuerungspotential der Kirche. Das ist die Kraft aller Aufbrüche. Das hat Verheißung. Nichts anderes und niemand sonst. Alle Versuche, das Reich Gottes mit Geld und Gut oder Strategie und Struktur zu schaffen, scheitern. All das braucht es auch, aber das Eigentliche bleibt die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus.

Die Welt aus den Angeln gehoben ...

Die Reformation hat wirklich die Welt aus den Angeln gehoben. Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, 1522 das Neue, 1534 das Alte Testament. Jeder Mensch sollte die Bibel in seiner Sprache hören, lesen und verstehen können. Kirchenlieder wurden auf Deutsch geschrieben, der Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Außerdem sollte jeder wissen, woran wir als Christen glauben, darum wurden Katechismen herausgegeben. Die Reformation wurde zu einer Glaubens- und Bildungsbewegung des Volkes. Schulen wurden gegründet. Das Priestertum aller Glaubenden wurde festgehalten: Es braucht außer Jesus Christus keinen amtlichen Papst oder Priester mehr – wir alle können füreinander Priester werden und uns das Evangelium gegenseitig zusagen. Die Zahl der Sakramente wurde auf die beiden „Wortzeichen“ (Brenz) begrenzt, die Jesus auch tatsächlich selbst eingesetzt hat und durch die er uns nahe ist: Taufe und Abendmahl.

... und den Himmel geöffnet

So wuchs eine neue Gewissheit des Glaubens. Vorher konnte man sich seines Heils nie sicher sein. Das Christentum des frühen Mittelalters war zumindest in weiten Teilen zu einer trostlosen Angelegenheit geworden, durch den regen Ablasshandel zumal. Wer konnte schon sagen, wie viele Jahre im Fegefeuer einem wirklich verblieben, ob man genug für Gott getan habe und ob man fromm genug war? – Trost und Gewissheit wachsen immer dann, wenn wir auf Jesus Christus sehen. Die Reformation hat diesen Blick wieder frei gemacht. – Natürlich hatte auch die Reformation Schattenseiten. Die Bauernkriege, Luthers elende Schriften über die Juden oder die zunehmenden konfessionellen Streitigkeiten – all das zeigt, dass wir auch nach der Reformation jenseits von Eden leben. Eben darum gilt es, die Hammerschläge aus Wittenberg immer wieder als Startsignal zu hören, um zum Wesentlichen aufzubrechen. Das haben viele seither getan, und das steht auch heute an.

Pietismus: „Reformation 2.0“

Der Pietismus ist so eine Art „Reformation 2.0“. Ein Aufbruch, der neu ernst gemacht hat mit der Einsicht: Die Reformation geht weiter. So wurde das „Priestertum aller Glaubenden“ viel konsequenter gelebt. Nicht nur Pfarrer, sondern auch Laien, Christenmenschen „wie du und ich“, durften das Evangelium weiter sagen – damals alles andere als selbstverständlich. So entstanden besonders in Württemberg die „Brüdertische“, eine revolutionäre Neuerung. Während die Predigten von den Kanzeln allzu gelehrt und zunehmend alltagsfern wurden, brachten diese Brüder Bibel und alltägliches Leben zusammen. Der Glaube sollte doch mit dem Leben etwas zu tun haben. So trafen sich die Menschen in kleinen Gruppen, Konventikel oder später „Stunden“ genannt. Überall entstanden solche Treffen und Versammlungen. Eine Bewegung, die das ganze Land erfasste. Martin Luther hatte diese besondere Form des Gottesdienstes bereits im Blick. In seiner Vorrede zur Deutschen Messe schrieb er von Treffen derer, „die mit Ernst Christen sein wollen“. Rund 150 Jahre später wurden solche Versammlungen von Philipp Jakob Spener in Frankfurt, Dresden und Berlin begründet und gehalten. August Hermann Francke gründete Schulen, Waisenhäuser und Bildungseinrichtungen in Halle, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf wurde zu einem Pionier der Weltmission, der Württemberger Johann Albrecht Bengel revolutionierte die Textforschung in der Bibelwissenschaft ... Viele und vieles andere ließe sich nennen.

Auf der Höhe der Zeit

Pietisten waren Menschen, die das Evangelium ernst genommen haben. Natürlich gilt auch hier wie bei der Reformation: Es gab Schattenseiten, große sogar. Manche verwechselten das Evangelium mit Gesetzlichkeit, andere mit Freizügigkeit. Manche wollten das Reich Gottes mit Gewalt schaffen, andere gerieten ins Schwärmen und verloren den Bodenkontakt zu dieser Welt. Und doch, der Pietismus als ganzer zeigt: Die Reformation geht weiter. Menschen haben sich das Evangelium immer wieder zu Herzen und in die Hände und Beine gehen lassen. Sie waren Berührte, Erweckte, Aufgewachte. Sie hatten klar vor Augen, wer Jesus für sie ist, und zugleich hatten sie einen Blick für diese Welt. Sie hörten seinen Auftrag. Sie ließen sich senden. Sie gingen neue Wege in seinem Namen zu den Menschen ihrer Zeit. Sie hatten ihr Ohr am Puls der Ewigkeit und waren gerade deshalb auf der Höhe der Zeit.

„Christus-optimistisch“ gegen Kirchenuntergangs-Propheten

All das sind nicht nur Bewegungen der Geschichte. Die Reformation zu feiern, heißt eben nicht nur, sich die Anekdoten der Vergangenheit zu erzählen, das Historische zu inszenieren und sich im Glanz vergangener Tage zu sonnen. All das darf sein, ja ist sogar unverzichtbar. Wir müssen wissen, wo wir herkommen. Und nur wer die Geschichte studiert, gewinnt eine Vision für die Zukunft. Das Entscheidende aber ist: Dass wir heute Gottes Wort hören, dass wir uns heute senden lassen und heute im Namen unseres Gottes Neues wagen. Entscheidend ist, dass wir zurück zu den Wurzeln gehen, nicht nur sehen. Jede Erneuerung der Kirche wird nur durch eine Rückbesinnung auf Jesus und sein Wort, nur durch eine solche Umkehr geschehen. Sie bleibt unverfügbar, aber das Wunder ist: Sie bleibt auch verheißen. Mit Philipp Jakob Spener will ich darum allen Kulturpessimisten und Kirchenuntergangspropheten trotzen, die doch eine stete Konjunktur zu haben scheinen, und „Christus-optimistisch“ festhalten: „Wir haben nicht zu zweifeln, dass Gott einen besseren Zustand seiner Kirche hier auf Erden versprochen hat.“