Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 10-12 Min.

Über den Verlust von Verbindlichkeit - und was uns zusammenhält

Es gibt viele Gründe, davon zu laufen. Wenn uns der Andere nicht mehr passt, packen wir unsere Koffer und gehen. So enden jedes Jahr unzählige Ehen und Beziehungen: Der Lebensstil meiner Partnerin und meiner passen nicht mehr zusammen, also gehe ich. So zerbrechen Freundschaften: Interessen oder Haltungen haben sich verändert. Also leben wir uns auseinander und gehen. So enden manchmal auch Kirchen- und Gemeindemitgliedschaften: Wie die anderen Christen entscheiden, glauben oder leben, passt nicht mehr zu mir. Also gehe ich. – Ehen, Familien, Freundschaften, Gemeinschaften, Gemeinden gehen auseinander. Nicht immer zerbrechen sie. Oft gibt es gar nicht den großen Knall, den einen triftigen Grund, das tiefe Zerwürfnis. Beziehungen lösen sich einfach auf. Die Bindungskräfte schwinden nach und nach. Es ist dann meist doch nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, oder besser: der eine Windstoß, der eine schon längst windschiefe Hütte zum Umfallen bringt. Das bringt uns zu der Frage: Wie schief hängt eigentlich der Haussegen bei uns?

Zuerst und zuletzt geht es um mich

Selten lag das Auseinandergehen so im Trend wie heute. Und das betrifft längst nicht nur einzelne Beziehungen. Es geht um unsere ganze Gesellschaft. Viele Vereine suchen händeringend nach Mitgliedern und nach Mitarbeitern. Ob Sport-, Musik-, Kultur- oder Kleintierzüchterverein – vielen fehlt der Nachwuchs. Alle klagen, dass die Verbindlichkeit der Leute nachlässt. Vielen Parteien, Gewerkschaften und Verbänden geht es genauso. Was vor Jahren und Jahrzehnten noch normal war, hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Man gehört nicht mehr automatisch dazu. Das Leben ist schneller geworden. Wir sind mobiler. Wir ziehen häufiger um. Wir wechseln Job, Wohnsitz, Umfeld. Feste Bindungen passen da nicht mehr ins Bild. Um nur kurz die Megatrends zu bemühen: Globalisierung und Individualisierung reichen sich an dieser Stelle die Hand. – Unter der Hand geht es aber um mehr: Der Kern unserer Lebenshaltung ist ein zutiefst egozentrischer: Es geht uns in erster Linie um uns. Es geht um mich. Was mir mehr bringt. Was besser zu mir passt. Jetzt. Und hier. Das will ich haben. Das lebe ich. Das wähle ich. Das kaufe ich. Wir sind längst zu Konsumenten des Moments geworden. Die Welt dreht sich um mich. Und wenn mir die Welt nicht mehr passt, dann – mit Verlaub – „kann sie mich mal“ ... 

Der Populismus befördert unser Ego-Bedürfnis. Es geht zuerst um mich.

Kleingarten-Mentalität

Es ist diese Haltung eines egozentrischen Weltbildes, das die Bindekräfte in unserer Gesellschaft nach und nach auflöst. Mehr als sonst fragen und suchen Politiker und Soziologen, gelegentlich auch Bischöfe und Journalisten nach dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Denn längst haben sich verschiedenste Gruppierungen den Trend zur Auflösung zu eigen gemacht und auf die Fahnen geschrieben: Die großen Bündnisse, Unionen und Übereinkünfte der Vergangenheit werden nicht nur hinterfragt, sondern ausgehöhlt und unterlaufen. Das gilt für Europa, politische und wirtschaftliche Verträge, Zugehörigkeiten und Mitgliedschaften. Der Trend geht zum Exit. Was die Briten im Großen tun, tun viele im Kleinen: Raus aus den alten Bündnissen! Das gilt ganz abgesehen von politischen oder gar parteipolitischen Bewertungen der einzelnen Sachfragen. Wahrscheinlich ist das eines der treffendsten Kennzeichen des Populismus: Er bedient und befördert unser Ego-Bedürfnis. Ohne Rücksicht auf das Ganze geht es mir zuerst um mich. Auch wenn die Welt aus den Fugen gerät und das Land seine Mitte verliert – Hauptsache, mir geht es gut und in meinem Kleingarten blühen die Geranien. Es ist diese Art von Kleingarten-Mentalität, die Bindungskräfte auflöst. Wenn die Verbundenheit mit anderen schwindet, dann schwindet auch die Verbindlichkeit. Genau das geschieht zumindest gelegentlich auch in Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften. 

Populismus und Pietismus: im Wesen verschieden

Die "Pia Desideria" von Spener hat die Kirche nachhaltig verändert.

Dass wir uns nicht täuschen lassen: Wenn alle paar Wochen ein neuer Aufruf zum Kirchenaustritt durch fromme Gazetten oder soziale Netzwerke wabert, dann ist das meist nicht die Stimme des Pietismus, sondern eher ein Kennzeichen des skizzierten Populismus. Beide Bewegungen unterscheiden sich jedoch zutiefst. Und zwar in ihrem Wesen. Haut der eine auf die Pauke und bläst zum Austritt, stimmt der andere leisere Töne an und ermutigt zum Auftritt. Sorgt der eine für den lauten Knall, sucht der andere das Gespräch. Will der eine seine Gegner verbannen, so versucht der andere die Lage zu verbessern. – Studieren lässt sich dies nirgendwo besser als in der Urschrift des Pietismus überhaupt: der „Pia Desideria“ von Philipp Jacob Spener. Der „Vater des Pietismus“ hat im Jahr 1675 seine „frommen Wünsche“ formuliert und ein Reformprogramm des Pietismus auf den Weg gebracht, das die Kirche nachhaltig verändert hat. Es war eine zweite Reformation: Gottes Wort sei reichlicher unter uns zu bringen, die Predigten müssten klarer, lebensnäher und alltagstauglicher sein, das persönliche geistliche Leben sei zu vertiefen, das Christentum müsse nicht nur verstanden, sondern gelebt werden, das Theologiestudium gehöre reformiert ... – all das ist von Spener bekannt. Weniger wahrgenommen ist, wie kritisch er die Kirche seiner Zeit sah, wie klar er Missstände benannte und wie treu er zugleich seiner Kirche blieb.

Spener geht den anderen Weg

Spener klagt über die Leiden, Gebrechen und Krankheiten seiner Kirche. Er nimmt die radikale Kirchenkritik separatistischer Kreise auf, die die Kirche längst verlassen oder zumindest abgeschrieben hatten. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Aber er belässt es nicht bei einer wohlfeilen Kirchenschelte, die damals schon gut ankam, auch triftet er nicht ab in eine Polemik gegen „die da oben“, nein, er markiert die Fehler, die er an seiner Kirche sieht, schonungslos und klar. Aber er sieht diese kranke Kirche immer als seine Kirche. Denn sie wurde begründet durch das Wort Gottes und sie steht auf den Bekenntnissen der Reformation. Und wenn manche Lehren und Praktiken davon abweichen, dann weist er umso entschiedener auf sein Reformprogramm hin: Neu auf Gottes Wort hören und so neu zueinander finden!

Gegen den Trend

Wirklich so einfach? – Ja, so einfach. So schlicht. So kindlich naiv. Denn genau so wächst Gemeinschaft, Gemeinde und Kirche. Nie anders. Die Debatten waren damals nicht weniger tiefgehend als heute, ganz im Gegenteil. Wenn wir heute über Fragen der Gottesdienstgestaltung, über Segnungen und Sexualethik, über das Verhalten von Bischöfen und Entscheidungen von Synoden streiten, so fügt sich das in eine Linie der Kirchengeschichte, die bei den ersten Christen in Jerusalem, Korinth und Rom beginnt und über die Zeiten der Reformation und des frühen Pietismus bis zu uns reicht. Immer gab es genügend Gründe auszutreten. Immer wieder gab es einen Trend zum Exit. Aber immer gab es auch Christen, die nicht davon gelaufen sind, sondern sich in ihre Kirche eingebracht haben. Auch wenn sie zum Teil massiv an ihr gelitten haben.

Wilhelm Busch: Austreten „ein grundfalscher Rat“

Pfarrer Wilhelm Busch (1897-1966)

Zu ihnen gehört auch Pfarrer Wilhelm Busch: Der 1966 verstorbene Jugendpfarrer, Evangelist, Bestseller-Autor und Leiter des Essener Weigle-Hauses war Pietist mit Württemberger Prägung. Seine Mutter Johanna stammt von der Familie Kullen aus Hülben auf der Schwäbischen Alb. Busch wurde angesichts der modernen bibelkritischen Theologie mit der Frage konfrontiert: Sollen wir nicht aus der Kirche austreten und eine neue bekennende Kirche gründen? – Er antwortete entschieden: „Ich muss offen sagen: Nein! Die Zeit ist noch nicht da. Vielleicht kommt sie auch nicht. ... Genug davon!“ Und weiter: „Es gibt nicht wenige, die uns heute raten: ‚Verlasst doch die Kirche, die das wahre Evangelium so preisgibt!’ Was wollen wir dazu sagen? Ich halte das für einen grundfalschen Rat. Diese Kirche ist unsere Kirche!“ – Ich halte es mit Wilhelm Busch: Diese Kirche ist unsere Kirche! Diese Landeskirche ist nicht nur eine Organisation, sondern ein geistlicher Organismus. Diese Kirche ist nicht nur ein „Religionsverein“, wie manche mit verächtlichem Unterton sagen, aus dem man austreten könne oder gar müsse – nein, diese Kirche ist unsere geistliche Familie, unser Platz, unsere Berufung. Diese Familie ist keine heile Welt, bestimmt nicht, aber doch auch der Leib Christi, zu dem wir gehören. Darum übernehmen wir als Christen, die dem Pietismus nahe stehen, Verantwortung in unserer Kirche. Nach wie vor gilt: Nicht Austreten, sondern Eintreten und Auftreten ist angesagt.

Im Pietistenreskript von 1743 ist das Miteinander von Kirche und Gemeinschaften geregelt.

275 Jahre alt: das Pietistenreskript von 1743

Rektor Dietrich (1814-1919)

Ausdruck dieser Verbundenheit ist auch das sogenannte Pietistenreskript, das 1743 die Verbindung von Gemeinschaften und Kirche in Württemberg grundlegend regelte. 1993 wurde es nach 250 Jahren in einer gemeinsamen Vereinbarung erneuert. Im Jahr 2018 ist diese 25 Jahre und die Urkunde des Württemberger Pietismus insgesamt 275 Jahre alt. Ein Jubiläum, das uns erinnert, gegen den Strom zu schwimmen und dem Trend zum Exit etwas entgegen zu setzen: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich“, lauft nicht jedem Trend hinterher und verwechselt nicht Pietismus mit Populismus! – Christian Dietrich, einer meiner Vorgänger im Amt des Vorsitzenden unseres Verbandes, in dessen Dienstzeit auch die Anfänge des Schönblicks fallen, hat einmal – wie ich finde, bis heute unübertroffen – formuliert: Christen sind nicht wie ein Sack voll Erbsen, die, wenn dieser aufplatzt, in alle Richtungen auseinander rollen. Christen sind vielmehr wie Wassertropfen an der Fensterscheibe: Sie fließen zusammen.

Steffen Kern, Pfarrer und Journalist, ist 1. Vorsitzender bei den Apis


Autor: Steffen Kern, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Min.

Zwischen "German Angst" und einer unverfrorenen Christus-Zuversicht

Es ist ein merkwürdiger Begriff: „German Angst“. Er hat sich in der englischen Sprache eingebürgert und bezeichnet etwas offenbar typisch Deutsches: eine diffuse, oft unbegründete Furcht der Deutschen vor allem Möglichen und Unmöglichen. Ob wir Deutschen uns, was die Angst angeht, nun wirklich so signifikant von Franzosen, Engländern oder Skandinaviern unterscheiden, sei einmal dahin gestellt. Dass wir aber immer wieder gemeinsam eine gewisse Grundangst kultivieren und pflegen, ist doch unverkennbar. 

Die „deutsche Angst“

Einige Beispiele dafür: Gerne wird die „deutsche Angst“ mit Verweisen auf eine zurückhaltende Außen- und Sicherheitspolitik nach der Wiedervereinigung erläutert. Auch eine besondere Kritik an neuen digitalen Techniken wird benannt: Wir Deutschen gelten weltweit als die einzigen, die die Erweiterung von Google Street View verhindert haben, also die komplette fotografische Erfassung aller Ortschaften und Häuser durch die Internetsuchmaschine Google. Die Deutschen haben offensichtlich ein besonderes Augenmerk auf die Gefahren. Das zeigen auch die hierzulande besonders aufgeregten Debatten über die Vogelgrippe, BSE oder die Risiken von Kernkraftwerken. 



Die "German Angst" ist im internationalen Sprachgebrauch etwas Typisches

Angsthasen und Versicherungsweltmeister

Nun mag man in der Sache zu diesen Beispielen jeweils stehen, wie man will. Die persönlichen Einschätzungen und Überzeugen sind hier sehr verschieden. Entscheidend aber finde ich, dass auch wir Christen dazu neigen, allzu schnell Angstszenarien zu entwerfen und zu pflegen, die uns nicht guttun. Angst ist kein guter Ratgeber, kein Leitprinzip, das uns weiter hilft. Angst führt immer in die Enge, in die Unfreiheit. Angst weckt das Bedürfnis nach Sicherheiten, die es nicht gibt, und macht uns anfällig für Scharlatane verschiedenster Couleur. Es ist kein Zufall, dass wir Deutschen nicht nur als besondere Angsthasen gelten, sondern zugleich auch als Versicherungsweltmeister firmieren. Nirgends auf der Welt ist man so überversichert wie bei uns. Das zeigt, dass wir ein besonderes Bedürfnis haben, uns gegen die Unwägbarkeiten des Lebens abzusichern. Sicherheiten sind aber oft trügerisch, zumal wenn sie – wirtschaftlich, politisch oder gar religiös – „verkauft“ werden. 

Die Angst vor dem Islam

Wie herausfordernd und schwierig es ist, die Sache mit der Angst zu bewerten und einzuordnen, zeigt das vielleicht derzeit schwerwiegendste Thema: die Angst vor dem Islam. Seit dem 11. September 2001 und den verheerenden Anschlägen in New York und Washington ist diese Angst längst kein deutsches Phänomen, sondern bewegt die ganze westliche Welt. Die sogenannte Flüchtlingskrise aus dem Jahr 2015 hat der Diskussion bei uns nochmals einen neuen Schub und eine neue Dramatik gegeben. Wie sollen wir diese Angst vor dem Islam bewerten? Ist sie als berechtigt dick zu unterstreichen mit dem Verweis auf weltweit unzählige islamistische Terrorakte, oder ist sie zu relativeren mit Verweis auf eine antiislamische Hysterie und Stimmungsmache angesichts der vielen ganz überwiegend friedliebenden Muslime? Was ist angemessen? – Politische und religiöse Gruppen versuchen aus der gefühlten Lage Kapital zu schlagen. Es gibt sowohl eine Verharmlosung wie auch eine Dämonisierung des Islam. Die neuen Medien verstärken beide Phänomene und bieten all denen eine unendliche Menge an Plattformen, die Öl in ihr Feuerchen gießen wollen.

Spätestens seit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin geht auch in Deutschland die Angst vor Anschlägen verstärkt um (Symbolbild)

Berechtigte Sorge und falsche Pauschalisierung

Es ist keine Frage: Der Islamismus ist eine Bedrohung für die Welt. Es gibt eine Fülle islamistischer Organisationen, die weltweit ihr Unwesen treiben. Ihre Opfer sind unter anderem auch viele Christen, Angehörige anderer Religionen, aber nicht zu vergessen: in sehr großer Zahl vor allem auch Muslime selbst. Innermuslimische Konflikte werden von den meisten Beobachtern des Westens allenfalls ansatzweise durchschaut. Dabei ist auch offensichtlich, dass der Islamismus ein Teil des Islam ist, der mit ihm nicht gleichgesetzt werden darf, aber auch nicht völlig losgelöst von ihm betrachtet werden kann. Insofern haben Sorgen und Befürchtungen durchaus eine sachliche Grundlage. Zugleich aber erliegen manche der Versuchung, diese ernstzunehmende Lage zu dramatisieren und mit einem pauschalen Pessimismus zu verbinden. Für Europa, für unsere Gesellschaft, für das christliche Abendland sehen manche nun schlicht schwarz. Schwarzmaler gibt es genug, die Ängste schüren und eine Mentalität der Hoffnungslosigkeit verbreiten. Damit sind oft durchschaubare politische Interessen verbunden. Jenseits politischer Fragen gilt jedoch für Christen: Wir bleiben nicht bei der Angst stehen und lassen uns nicht von ihr leiten. 

Kein Leben ohne Angst

Jesus sagt seinen Jüngern sehr klar in den Abschiedsreden: „In der Welt habt ihr Angst.“ Sie ist ein Begleiter unseres Lebens. Sie warnt uns vor Gefahren. Sie weist auf Risiken hin. In einer gebrochenen Welt gibt es kein Leben ohne Angst. Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen, sondern setzt seine Verheißung und seinen Trost dagegen: „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ – In dieser Welt der Gefahren gibt es auch den Einen, der die Welt mit ihrem ganzen Bedrohungspotential überwunden hat. Die zerstörerischen Mächte sind besiegt. Jesus hat sie überwunden. Darum sind wir getröstet. Das gibt uns Halt. Und das gibt uns Hoffnung. 

Welcher Geist leitet uns?

Eine der größten und wertvollsten Gaben des Heiligen Geistes ist die Gelassenheit. Sie gründet in der Gewissheit, dass Jesus diese Welt in seiner Hand hält. Wir gehen nicht auf den Abgrund oder den Untergang zu, egal wie oft und wie dramatisch diese auch beschworen werden – wir gehen auf Jesus zu, der wiederkommt und der sein Reich aufrichtet. Darum sind wir in allen Turbulenzen des Lebens und der Weltgeschichte getrost, gelassen und zuversichtlich. Und wenn wir es nicht sind, weil die Angst übermächtig wird, dann brauchen wir Menschen, die uns dieses Christuswort zusprechen: „Sei getrost!“ Eines aber lassen wir nicht zu: dass wir uns der Angst ergeben und uns von ihr bestimmen lassen. Dann erringen die Panikmacher dieser Welt die Herrschaft über uns. Wir sind aber vom Geist Gottes geleitet. Und der ist kein Geist der Angst, sondern des Trostes. 

Steffen Kern ist erster Vorsitzender bei den Apis


Zurück auf Los!
Wir Apis vor neuen Herausforderungen

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 7-9 Minuten

Das Signal zum Aufbruch gilt allen Christen, jeder Gemeinde und Gemeinschaft. Eigentlich heißt es: „Jesus, fertig, los!“ – So war das an Pfingsten nach Passion und Ostern. Jesus, der Gekreuzigte, ist auferstanden und zum Himmel aufgefahren. Jetzt war die Geschichte aber nicht zu Ende, sondern sie begann. Jetzt ging es los: Pfingsten, der Anfang der Kirche, ist der Startpunkt, an den wir immer wieder zurückkehren und von dem wir neu aufbrechen. So ähnlich, auch wenn der Vergleich hinkt, wie bei einem Monopoly-Spiel: Es geht „zurück auf Los“! – Das gilt auch für uns als Apis. Wir sind ein Verband im Wandel. Auch Gemeinschaften sind wie die Kirche „semper reformanda“, stetig zu reformieren. Vieles führen wir weiter, manches beenden wir, anderes fangen wir neu an. Entscheidend ist, dass wir wie den Aufbruch wagen. Unser Zukunftsprozess „Apis 2025“ hat ja auch längst begonnen.

Lust auf Bibel: Ideen von Bibelbewegern gefragt

Ohne Bibelbezug keine Gottesbeziehung! Das ist völlig klar. Wir brauchen neue Formen des gemeinsamen Bibellesens. Wir Apis sind und bleiben Bibelbeweger. So wertvoll die alten Stunden sind, die wir natürlich erhalten und pflegen wollen, so entscheidend ist es, dass wir neue Formen finden, die für die Menschen unserer Zeit passen. Wir brauchen viele Formen des gemeinsamen Bibellesens, weil wir verschiedene Lebensformen haben. Ich staune, wie kreativ hier überall im Land probiert und experimentiert wird, und ich kann nur Mut machen, das weiter zu tun. Dafür brauchen wir auch neue Medien, neue Bibellesehilfen, gerade auch für Menschen, die zum ersten Mal zu einer Bibel greifen.
An dieser Stelle bleiben wir weiter dran: unser Magazin „Gemeinschaft“, unsere neue Website und neue geplante Publikationen sollten hier Impulse geben. Aber viel wichtiger sind die Ideen, die bei Ihnen und Euch vor Ort geschehen.

  • Wie bewegt Sie die Bibel?
  • Wie lesen Sie sie mit anderen zusammen?
  • Was gelingt, was scheitert?
  • Was haben Sie vor?

Schicken Sie uns doch Ihre Ideen! Auch Ihre Fragen, offenen Punkte...
Sie können Sie direkt auf unserer Website eingeben

Eines noch: Beim Teilen der Bibel mit anderen kommt es auch auf unsere Haltung an. Wir dürfen nicht als Besserwisser mit der Bibel in der Hand auftreten, sondern als Menschen, die Lust haben, das Wort Gottes zu hören, Neues zu entdecken und Gott durch die Bibel zu begegnen. Die Lust an der Bibel zu wecken, wie sie Psalm 1 beschreibt, geht allerdings nur, wenn wir sie selbst neu empfinden.

Heimatgeber gesucht: Liebe, die sich öffnet

Eine Gemeinschaft war die Kirche schon immer. Aber was heißt das in Zeiten des Individualismus? Wie leben wir Gemeinschaft im Zeitalter der Singles? Wir finden wir zusammen, wenn die Lebenswege immer unterschiedlicher aussehen? – Sicher ist: Neue Gemeinschaftsformen sind nötig. Das war eine Stärke des Pietismus, die wir neu (!) entdecken müssen: die „Gemeinschaftspflege“. Wir brauchen Christen, die ihre Häuser öffnen. Wir brauchen christliche Familien, die an ihren Tisch einladen. Wir brauchen gläubige Menschen, die ihr Leben mit denen teilen, die nicht wissen, was Gemeinschaft bedeutet. Gemeindeaufbau endet nicht an unserer Haustür. Der Rückzug ins Private ist keine geistliche Bewegung. Wir alle sind hier persönlich gefordert.

Als Apis wissen wir um diese Verantwortung. Gemeinschaft ist unser Markenzeichen. Wir wollen Heimatgeber sein, damit Menschen ein Zuhause finden. Die Prägekraft des Pietismus in Kirche und Land hinein, ja seine gesamte Existenz hängt entscheidend davon ab, ob es ihm gelingt, neue Formen der Gemeinschaft zu finden, die postmoderne Individualisten erreicht und einbindet. Sonst bleiben wir unter uns. Es kommt darauf an, dass wir im besten Sinne des Wortes zu Zeitgenossen werden, die die Ewigkeit im Herzen tragen. Die Menschen unserer Zeit sehnen sich nach Orientierung und Beziehung. Wir als Apis und als Kirche sind ihnen genau das schuldig.

Als Hoffnungsträger gesandt: Mut zu neuen Wegen

Darin bündelt sich alles. Als Christen wollen wir jeden Menschen mit den Augen des Vaters im Himmel sehen. Mit seinen Gaben, Möglichkeiten und Chancen. Ja, wir sind alle Sünder, aber wir bleiben geliebte Geschöpfe Gottes. Und weil es Vergebung gibt und ein Neuanfang für jeden möglich ist, gibt es bei Gott keine hoffnungslosen Fälle. Wir sehen darum jeden Menschen mit den Augen der Hoffnung. Wir sehen unser Land nicht als verlorenes Land, sondern als ein Hoffnungsland. Wir geben niemanden auf, keinen Menschen, unsere Kirche nicht, auch unsere Gesellschaft nicht – denn wir brechen auf in das Land der Verheißung. Darum ist es entscheidend, dass wir den alten Auftrag zu Diakonie und Evangelisation neu hören. Zu wem sendet uns Gott? Welche Menschen legt er uns aufs Herz? Für wen sollen wir Hoffnungsträger sein? – Beten wir hier um Klarheit! In dem Maße, wie diese reift, werden wir bereit, uns auf neue Wege zu wagen. Auch ganz wagemutig auf ganz neue Wege.

Und ehrlich gesagt: Nichts braucht unser Land mehr als wagemutige Jesus-Leute, die aufbrechen und losgehen.

Luther, fertig los! Die Reformation geht weiter

Autor: Steffen Kern, Journalist und Pfarrer
Vorsitzender der Apis, Walddorfhäslach
Lesedauer: ca. 12-15 Minuten

Es sind Hammerschläge, die 500 Jahre später noch nachhallen: Ein Mönch aus Wittenberg schlägt 95 Leitsätze an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Geschehen am 31. Oktober 2017. Diese Schläge erschüttern die Welt. Und ganz gleich ob der junge Professor wirklich selbst den Hammer geschwungen hat: Nichts ist danach so, wie es vorher war. Die Kirche verändert sich radikal. Politik und Gesellschaft werden auf den Kopf gestellt. Schriften und Bücher werden gedruckt, vor allem aber die Bibel. Die Welt scheint sich fortan in eine andere Richtung zu drehen. Die Bedeutung der Reformation kann kaum überschätzt werden. Zugleich ist deutlich: Die Reformation ist kein abgeschlossenes Ereignis der Geschichte. „Ecclesia semper reformanda“, heißt es: Die Kirche ist ständig zu reformieren. Das ist 500 Jahre später so aktuell wie selten zuvor.

Die „Pleite des Jahres“?

So einfach ist das nicht mit dem Feiern der Reformation: Die unzähligen Feste, Empfänge, Ausstellungen und Events zum großen Jubiläum sind EKD-weit zumindest teilweise gefloppt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte Mitte Juli 2017 sogar: „Luther ist die Pleite des Jahres“ und verweist auf die immensen Kosten und die zugleich sehr ernüchternden Besucherzahlen sowohl beim Kirchentag und dessen Abschlussgottesdienst, den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“ und der Weltausstellung in Wittenberg. Daneben stehen aber die vielen Initiativen in Gemeinden und Gemeinschaften. Vielleicht lässt sich eine Zwischenbilanz so formulieren: Je basisnäher das Fest der Reformation gefeiert wird und je näher an ihren Inhalten, desto wirkungsvoller ist es. Für viele wird der Gottesdienst in ihrer Gemeinde am bundesweiten Feiertag, dem 31. Oktober 2017, denn auch der eigentliche Höhepunkt sein. Entscheidend ist, dass wir die großen Entdeckungen der Reformation neu ins Zentrum rücken. Denn das sind die einzigen Quellen, durch die die Kirche erneuert wird. Das sehen wir, wenn wir die wesentlichen Errungenschaften der Reformation und des Pietismus in Erinnerung rufen. Von dort fällt ein Licht auf die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen.

Die Entdeckung „des Jahrtausends“

Was ist eigentlich reformatorisch? – Martin Luther selbst antwortet darauf in einer kleinen Notiz, die er 1522 an den Rand seiner Bibel schreibt. Neben einen Vers im Römerbrief notiert er: „Merke: dies ist das Hauptstück und die Mitte dieser Epistel und der ganzen Schrift!“ Damit verweist er auf Römer 3,28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Das ist die reformatorische Entdeckung. Nicht was ich leiste und bezahle, was ich mir erarbeite und verdiene, nicht Ablass und Gesetzestreue, sondern allein Gottes Erbarmen macht mich gerecht. Es ist die größte Entdeckung des zweiten Jahrtausends nach Christus, ja der Geschichte überhaupt. Die vier so genannten „Soli“ markieren deshalb am besten das Herzstück der Reformation: solus Christus, sola gratia, solo verbo/sola scriptura, sola fide. Zu deutsch: Allein Jesus Christus schenkt uns das Heil in Zeit und Ewigkeit. Allein aus Gnade werden wir vor Gott gerecht. Allein durch sein Wort werden wir frei gesprochen und hören Gottes Weisung für unser Leben. Allein durch den Glauben an ihn sind wir gerettet. – Selten waren diese vier Grundsätze so aktuell und umstritten wie heute, und zwar diesseits und jenseits kirchlicher Grenzen.

1) Allein Jesus Christus

Diese Einsicht ist alles andere als selbstverständlich. In Gesellschaft und Kirche neigen manche dazu, die Christologie und die Soteriologie, also die Lehren von Jesus Christus und der Erlösung durch ihn, in die zweite oder dritte Reihe zu schieben. Dass Jesus Christus für uns gestorben ist, die Sünde der Welt getragen und unsere Schuld gesühnt hat, dass er nach drei Tagen leiblich auferstanden ist, wird allzu oft in Zweifel gezogen. Ebenso wird angezweifelt, dass er, von einer Jungfrau geboren, der Sohn Gottes ist. Und das erst recht angesichts dessen, dass wir mit Menschen anderen Glaubens zusammen leben. Dass wir mit ihnen den Frieden suchen, gute Nachbarschaft leben und alles tun, um Fremdenhass, politische Feindseligkeiten bis hin zu Gewalt und Terror zu überwinden, ist uns aufgetragen. Aber auch das Gespräch über Religionsgrenzen hinweg löst unser zentrales Bekenntnis nicht auf: Allein in Jesus Christus finden wir das Leben. – Diese Wahrheit trägt uns, und diese Wahrheit bringen wir ins Gespräch ein: Jesus Christus ist der einzige Trost im Leben und im Sterben. Das sagen wir, wohlwissend dass unser Gegenüber einen anderen Glauben hat und anderes für wahr hält. Die größte Herausforderung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird darin bestehen, dass wir Christen unser Christuszeugnis klar und eindeutig, werbend und einmütig, liebevoll und einladend weiter geben.

2) Allein aus Gnade

Gott wendet sich uns zu. Er ist uns buchstäblich zugeneigt. Seine Barmherzigkeit kennt keine Grenze: Kein Graben ist zu tief, keine Mauer zu hoch, keine Schuld zu groß, dass er sie nicht überwinden würde. Gottes Liebe lässt uns leben. Allein seine Gnade genügt. Martin Luther führt aus, was Gottes Liebe von menschlicher Liebe unterscheidet: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es.“ Was für ein Wunder: Gott sieht in mir nicht den Sünder, den Heuchler oder den Lügner, sondern sein geliebtes Kind. Dass mich mein Vater im Himmel so ansieht – das allein gibt mir Ansehen. So sehr wir, wie Luther in seiner erste These entfaltet, zu täglicher Buße aufgefordert und verpflichtet sind, so klar ist: Aus Gnade werden wir selig, nicht aus uns. Alles ist Gottes Gabe (vgl. Eph 2,8). „Barmherzig, geduldig und gnädig ist der Herr.“ Das ist das Wesen Gottes, das in Jesus Christus ein Gesicht und einen Namen findet. Nicht zufällig, sondern zwingend. Der Schöpfer muss uns in Gestalt eines Geschöpfes nahekommen, weil Gott gnädig ist. Nichts können wir dazu tun, auch nicht ein bisschen. Er spricht uns gerecht.

3) Allein durch das Wort

Es ist geheimnisvoll und wunderbar, es ist nicht zu erklären – und geschieht doch immer wieder: Gott redet. Ein Mensch hört und wagt es, diesem Wort zu vertrauen. Das heißt glauben. Alles beginnt und wird erhalten durch Gottes Reden. Darum lesen wir in der Bibel. Darum predigen wir aus der Bibel. Darum verlassen wir uns auf diese Schrift. Denn sie wird lebendig. Gottes Geist wirkt das Wunder. Seit zweitausend Jahren werden Menschen durch diese Worte angesprochen und verändert. Darum ist die Bibel einzigartig: Gott zeigt sich in diesen Schriften. Was er für uns getan hat und wer er für uns ist, wird offenbar. Das Entscheidende dabei: Wir werden persönlich angesprochen und freigesprochen. Es ist wie bei der Schöpfung: Gott spricht und es ist da. Wie bei Lazarus: Jesus ruft ihn und er erwacht zum Leben. Wie Paulus es schreibt: Ein neuer Mensch sind wir. Was wir hören, wenn Gott redet, ist sein Urteil über uns: ein Freispruch um Jesu Christi willen. Der alte Mensch wird getötet, der neue geschaffen. Wir haben das Evangelium nicht wie einen Besitz in der Hand, aber wir hören und empfangen es immer wieder neu. So, nur so wird uns der Himmel gewiss.

4) Allein durch den Glauben

Der Glaube kommt aus dem Hören. Aus eben diesem Hören! Gottes Wort und Glaube gehören zusammen, sagt Luther. Und der Theologe Eberhard Jüngel formuliert treffend: „Allein der Glaube lässt Gott Gott sein.“ So werden wir in das Geschehen, das Gott allein tut, einbezogen. Jesus sagt am Kreuz Ja zu uns; im Glauben sagen wir Ja zu ihm. Jesus sagt in Taufe und Abendmahl, dass wir ganz zu ihm gehören; im Glauben sagen wir unser Ja dazu. Jesus sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“; im Glauben sagen wir: „Amen. Ja, so soll es sein.“ Glauben heißt nicht mehr, als Gottes Wort gelten zu lassen. Gott nicht zu widersprechen, sondern sein Wort in mein Herz und mein ganzes Leben klingen zu lassen. Das Bekenntnis unseres Glaubens ist nichts anderes als das Echo von Gottes Wort in unserem Leben. Das hat Folgen. Denn dieses Wort verändert uns. Darum hat der Glaube Früchte wie ein guter Baum. Ein solches Menschenleben wird gesegnet und zum Segen für andere.

Der Schlüssel aller Aufbrüche

Das Evangelium von der Gnade Gottes und der Rechtfertigung des Sünders ist darum die einzigartige Kraft Gottes, die dazu angetan ist, verlorene Menschen zu retten und heil zu machen, die Welt aus den Angeln zu heben und uns den Himmel zu öffnen. Darin liegt das Erneuerungspotential der Kirche. Das ist die Kraft aller Aufbrüche. Das hat Verheißung. Nichts anderes und niemand sonst. Alle Versuche, das Reich Gottes mit Geld und Gut oder Strategie und Struktur zu schaffen, scheitern. All das braucht es auch, aber das Eigentliche bleibt die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus.

Die Welt aus den Angeln gehoben ...

Die Reformation hat wirklich die Welt aus den Angeln gehoben. Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, 1522 das Neue, 1534 das Alte Testament. Jeder Mensch sollte die Bibel in seiner Sprache hören, lesen und verstehen können. Kirchenlieder wurden auf Deutsch geschrieben, der Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Außerdem sollte jeder wissen, woran wir als Christen glauben, darum wurden Katechismen herausgegeben. Die Reformation wurde zu einer Glaubens- und Bildungsbewegung des Volkes. Schulen wurden gegründet. Das Priestertum aller Glaubenden wurde festgehalten: Es braucht außer Jesus Christus keinen amtlichen Papst oder Priester mehr – wir alle können füreinander Priester werden und uns das Evangelium gegenseitig zusagen. Die Zahl der Sakramente wurde auf die beiden „Wortzeichen“ (Brenz) begrenzt, die Jesus auch tatsächlich selbst eingesetzt hat und durch die er uns nahe ist: Taufe und Abendmahl.

... und den Himmel geöffnet

So wuchs eine neue Gewissheit des Glaubens. Vorher konnte man sich seines Heils nie sicher sein. Das Christentum des frühen Mittelalters war zumindest in weiten Teilen zu einer trostlosen Angelegenheit geworden, durch den regen Ablasshandel zumal. Wer konnte schon sagen, wie viele Jahre im Fegefeuer einem wirklich verblieben, ob man genug für Gott getan habe und ob man fromm genug war? – Trost und Gewissheit wachsen immer dann, wenn wir auf Jesus Christus sehen. Die Reformation hat diesen Blick wieder frei gemacht. – Natürlich hatte auch die Reformation Schattenseiten. Die Bauernkriege, Luthers elende Schriften über die Juden oder die zunehmenden konfessionellen Streitigkeiten – all das zeigt, dass wir auch nach der Reformation jenseits von Eden leben. Eben darum gilt es, die Hammerschläge aus Wittenberg immer wieder als Startsignal zu hören, um zum Wesentlichen aufzubrechen. Das haben viele seither getan, und das steht auch heute an.

Pietismus: „Reformation 2.0“

Der Pietismus ist so eine Art „Reformation 2.0“. Ein Aufbruch, der neu ernst gemacht hat mit der Einsicht: Die Reformation geht weiter. So wurde das „Priestertum aller Glaubenden“ viel konsequenter gelebt. Nicht nur Pfarrer, sondern auch Laien, Christenmenschen „wie du und ich“, durften das Evangelium weiter sagen – damals alles andere als selbstverständlich. So entstanden besonders in Württemberg die „Brüdertische“, eine revolutionäre Neuerung. Während die Predigten von den Kanzeln allzu gelehrt und zunehmend alltagsfern wurden, brachten diese Brüder Bibel und alltägliches Leben zusammen. Der Glaube sollte doch mit dem Leben etwas zu tun haben. So trafen sich die Menschen in kleinen Gruppen, Konventikel oder später „Stunden“ genannt. Überall entstanden solche Treffen und Versammlungen. Eine Bewegung, die das ganze Land erfasste. Martin Luther hatte diese besondere Form des Gottesdienstes bereits im Blick. In seiner Vorrede zur Deutschen Messe schrieb er von Treffen derer, „die mit Ernst Christen sein wollen“. Rund 150 Jahre später wurden solche Versammlungen von Philipp Jakob Spener in Frankfurt, Dresden und Berlin begründet und gehalten. August Hermann Francke gründete Schulen, Waisenhäuser und Bildungseinrichtungen in Halle, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf wurde zu einem Pionier der Weltmission, der Württemberger Johann Albrecht Bengel revolutionierte die Textforschung in der Bibelwissenschaft ... Viele und vieles andere ließe sich nennen.

Auf der Höhe der Zeit

Pietisten waren Menschen, die das Evangelium ernst genommen haben. Natürlich gilt auch hier wie bei der Reformation: Es gab Schattenseiten, große sogar. Manche verwechselten das Evangelium mit Gesetzlichkeit, andere mit Freizügigkeit. Manche wollten das Reich Gottes mit Gewalt schaffen, andere gerieten ins Schwärmen und verloren den Bodenkontakt zu dieser Welt. Und doch, der Pietismus als ganzer zeigt: Die Reformation geht weiter. Menschen haben sich das Evangelium immer wieder zu Herzen und in die Hände und Beine gehen lassen. Sie waren Berührte, Erweckte, Aufgewachte. Sie hatten klar vor Augen, wer Jesus für sie ist, und zugleich hatten sie einen Blick für diese Welt. Sie hörten seinen Auftrag. Sie ließen sich senden. Sie gingen neue Wege in seinem Namen zu den Menschen ihrer Zeit. Sie hatten ihr Ohr am Puls der Ewigkeit und waren gerade deshalb auf der Höhe der Zeit.

„Christus-optimistisch“ gegen Kirchenuntergangs-Propheten

All das sind nicht nur Bewegungen der Geschichte. Die Reformation zu feiern, heißt eben nicht nur, sich die Anekdoten der Vergangenheit zu erzählen, das Historische zu inszenieren und sich im Glanz vergangener Tage zu sonnen. All das darf sein, ja ist sogar unverzichtbar. Wir müssen wissen, wo wir herkommen. Und nur wer die Geschichte studiert, gewinnt eine Vision für die Zukunft. Das Entscheidende aber ist: Dass wir heute Gottes Wort hören, dass wir uns heute senden lassen und heute im Namen unseres Gottes Neues wagen. Entscheidend ist, dass wir zurück zu den Wurzeln gehen, nicht nur sehen. Jede Erneuerung der Kirche wird nur durch eine Rückbesinnung auf Jesus und sein Wort, nur durch eine solche Umkehr geschehen. Sie bleibt unverfügbar, aber das Wunder ist: Sie bleibt auch verheißen. Mit Philipp Jakob Spener will ich darum allen Kulturpessimisten und Kirchenuntergangspropheten trotzen, die doch eine stete Konjunktur zu haben scheinen, und „Christus-optimistisch“ festhalten: „Wir haben nicht zu zweifeln, dass Gott einen besseren Zustand seiner Kirche hier auf Erden versprochen hat.“

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